Scientology – Ein Selbstversuch

Was ist Scientology?

Viel hört man über Scientology. Spätestens seit 1997, als die Bundesregierung beschloss die „Kirche“ der Scientologen durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Scientology versteht sich selbst als Organisation, deren Ideologie auf den Werken des US-amerikanischen Schriftstellers L. Ron Hubbard beruht. Der Mensch besteht laut dieser Lehre aus Thetan, Body und Mind. Ziel eines jeden Scientologen ist es ein Clear zu erreichen und zum Operating Thetan zu werden, sich fortan nicht mehr mit den Problemen und Nöten der normalen Welt beschäftigen zu müssen, sondern sich auf einer unabhängigen transzendenten Ebene zu bewegen.
Was das Ganze soll, weiß ich auch nicht genau, aber die Tatsache, dass die Scientology sich als zentrales gesellschaftliches Ziel die Abschaffung der Psychiatrie auf die Fahnen geschrieben hat, lässt doch recht tief blicken…

Mein Vorhaben

Aus Abenteuerlust, für die ich ja bekannt bin, nahm ich mir vor einen Selbstversuch zu starten. Klingt ja ganz lustig, diese Scientology. Um also mitreden zu können, beschloss ich Mitglied zu werden und währenddessen mich selbst genau zu beobachten. Vor allem aber natürlich mehr herauszufinden über die Methoden der Scientologen. Auch da hört man ja so einiges von Gehirnwäsche bis zu totaler psychischer Abhängigkeit. Nach kurzer Recherche erfuhr ich die Hauptrekrutierungsmethode der Scientologen. Man stellt sich also tatsächlich in Fußgängerzonen und spricht Leute an. Wahrscheinlich direkt zwischen dem „Jesus lebt!“- und dem „Stoppt Tierversuche!“-Stand. Es war nahezu unmöglich herauszufinden, wann und wo ein solcher Stand anzufinden sein würde und so begann mein Selbstversuch eher unfreiwillig als ich schon gar nicht mehr damit rechnete und doch eigentlich nur gemütlich durch die Innenstadt Hannovers schlendern wollte. Im Gegensatz zu den doch recht passiven und zurückhaltenden Wachtturm-Damen, fährt man bei Scientology eine etwas aggressivere Taktik. Ich wurde regelrecht verfolgt mit dem Hinweis doch dringend einen Stresstest zu benötigen.

Das Experiment

Mein erster Schritt in die Scientology begann also auf der Hannoveraner Georgstraße zwischen Karstadt und Kaufhof in einem Pavillon, dessen Inhalt selbst mit dem Wort Kitsch nur unzureichend beschrieben werden konnte. Ich wurde an eine Apparatur angeschlossen, die aussah wie der Drehzahlmesser in meinem Nissan, ein so genanntes E-Meter. Während ein blond gelockter Jüngling mir Elektroden an Fingern und Oberarmen anbrachte, bekam ich von seinem Kollegen, einem nicht minder blonden Opi-Typ schon den Mund wässrig gemacht. Wenn ich diesen OCA-Test bestehe, dann stehen mir die Tore offen auf dem Weg zur Brücke der Erleuchtung. Scheint wohl das Nirvana der Scientologen zu sein. Als endlich der Drehzahlmesser korrekt mit meiner Hauptschlagader verbunden war, konnte der Test losgehen. Ich konnte mich nicht des Eindruckes erwehren, dass man bei mir auf der Suche nach einem wunden Punkt war. Tja, für wie blöd halten die mich? Ich hatte mich natürlich vorab schlau gemacht und wusste, dass man mit geschickter Fragestellung versuchen würde ein traumatisches Erlebnis in meinem bisherigen Lebenslauf zu finden. Also schaffte ich es geschickt den Fragen auszuweichen oder log mein Gegenüber einfach an bei der obligatorischen Frage nach toten Verwandten. Ich wollte es ihnen ja nicht zu einfach machen.
Ich war gespannt, welchen Grund man mir nun also auftischen wollte, mich als schlechten Menschen darzustellen, der dringend Hilfe (von Scientology natürlich) braucht. Ich war zugegebenermaßen überrascht als Fred, so der Name des lustigen Opas, mir meinen großen Fehler mitteilte. So viel Humor hätte ich der Scientology gar nicht zugetraut. Ja, ich bin kurzsichtig. Ja, die Scientology kann daran etwas ändern. Ich muss nur über die Brücke der Erleuchtung schreiten. Und das ist doch ein Kinderspiel. Lediglich geschätzte 200 Seminare wären von Nöten auf dem Weg durch das Pre-Clear, bis ich in der Hierarchie aufgestiegen wäre und den Status des Operating Thetan erlangt haben würde und endlich ein Mensch ohne Fehl und Tadel wäre. Die sehr verlockende Aussicht auf ein Leben ohne Brille, führte mich also in die Walsroder Volkshochschule, wo man tatsächlich ein paar Räume gemietet hat um dort Seminare und Auditings durchzuführen. Nachdem ich allerdings vor einigen Jahren bereits den Kurs „Hallenhalma für Übergewichtige“ an ebenjener Schule nicht erfolgreich abschließen konnte und auch diesmal meinen inneren Schweinehund das Gebäude zu betreten nicht überwinden konnte, beschloss ich an Ort und Stelle – früher als gedacht – das Experiment abzubrechen und machte auf dem Absatz kehrt.

Und was lernen wir daraus?

Scientologen sind ja schon irgendwie lustig. Bernhard Grzimek würde wahrscheinlich von „possierlichen Kerlchen“ reden, aber wer nicht mit der nötigen Lockerheit und Ironie an das Thema herangeht, der könnte vermutlich ernsthaft infiltriert werden. Wahrscheinlich konnte selbst ich als alles andere als labiler Mensch dem nur entgehen, weil ich während meines Experiments nichts und niemanden ernst genommen habe, mir meine Gegenüber grundsätzlich nackt und beim Stuhlgang vorgestellt habe und mich vorher auch ausreichend informiert hatte. Wer also spontan und unbedarft auf der Straße zu einem Stresstest in einen rosa-blauen Pavillon eingeladen wird, sollte tunlichst ablehnen. Denn wer kurzsichtig ist, der ist eindeutig bei Fielmann besser aufgehoben. Und auch sonst fällt mir kein Problem ein, welches sich mit einem Gang über die Brücke der Erleuchtung lösen ließe.

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